Hämatologie und Medizinische Onkologie 2022: Von der Molekulargenetik bis zum anteilnehmenden Dasein

(Berlin/Wien/OTS) – Die Jahrestagung der Deutschen, Österrei­chischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizini­sche Onkologie ist der größte Kongress für das Fachgebiet im deutschspra­chigen Raum. Vom 7. bis 10. Oktober 2022 bietet die gemeinsame Jahres­tagung nach mehr als zwei Jahren der COVID-19-Pandemie wieder als Prä­senzveranstaltung ein umfangreiches Wissenschafts- und Fortbildungs­programm. Kommunikation steht in der Hämatologie und Onkologie – als wesentlichem Schrittmacher der personalisierten Medizin – im Mittelpunkt. Dies gilt sowohl für den interdisziplinären und interprofessionellen Dialog zwischen allen an der Versorgung Beteiligten als auch für den kontinuier­lichen Austausch mit den Patientinnen und Patienten und ihren Familien. „Deshalb ist es mir eine besondere Freude“, so betont Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Kongresspräsident und Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien, „dass die Jahrestagung 2022 in Präsenz stattfindet und damit diese so überaus notwendige – und seit Beginn der Pandemie vermisste – direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch wieder möglich wird“.

Mehr als 900 Fachvorträge aus allen Bereichen der Krebsmedizin

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Vorträgen im Rahmen spannender Sitzungen und Poster mit aktuellen Forschungsergebnissen bieten eine reichhaltige Grundlage hierfür. „Das Spektrum des wissenschaftlichen Programms umfasst unter anderem die aktuellen Erkenntnisse aus der Präzisionsmedizin, Immuntherapie, Molekular­pathologie und -biologie, Digitalisierung, Intensivmedizin, Palliativ- und Supportiv­medizin sowie Rehabilitation und Nachsorge. Im Rahmen der gemeinsamen Jahrestagung werden wir das gesamte Spektrum an benignen und malignen Blut- und Krebserkrankungen diskutieren und uns neben rein wissenschaftlichen und klinischen Inhalten auch zu aktuellen gesundheits- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen für unser Fachgebiet austauschen. Dazu gehören unter anderem die Herausforderungen an die Versorgung von aus der Ukraine Geflüchteten, der länderspezifische Umgang mit dem Thema der ärztlich assistierten Selbsttötung und die Diskussion mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die in der Hämatologie und Onkologie Tätigen.“

Hämatologische und onkologische Fachpflege: Integraler Bestandteil einer modernen Versorgung

Bereits seit Jahren richtet sich der länderübergreifende Kongress nicht nur an Ärztinnen und Ärzte, sondern explizit auch an Mitarbeitende im Bereich der Pflege. „Uns ist der interprofessionelle Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der hämatologischen und onkologischen Fachpflege besonders wichtig, da wir als Ärztinnen und Ärzte nur gemeinsam mit ihnen eine optimale Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen sicherstellen können. Darüber hinaus setzen unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege neue Versorgungskonzepte in der Krebsmedizin, zum Beispiel bei der wohnortnahen Nachsorge von Krebsüberlebenden, eigenverantwortlich um.“

Die gemeinsame Jahrestagung 2022 umfasst deshalb einen eintägigen Pflege­kongress mit hochkarätigen Fachvorträgen, Diskussionen und interdisziplinären Sitzungen. Mit dem ebenfalls integrierten Studententag sollen wiederum junge Menschen für die Hämatologie und Onkologie begeistert werden. Nach den Erfahrungen von Preusser gelingt das immer dann gut, „wenn wir genügend Zeit investieren, um uns mit den jungen Menschen, ihrer modernen Lebensplanung und ihren Interessen auseinandersetzen und dabei vermitteln, was für ein spannendes Fach die Hämatologie und Onkologie ist“, so der diesjährige Kongresspräsident.

Wissensexplosion gleichbedeutend mit Kostenexplosion?

„Die Hämatologie und Medizinische Onkologie ist eine der innovativsten Fachdis­ziplinen in der gesamten Medizin. In Folge intensiver Forschung erleben wir seit Jahren einen dramatischen – ja nahezu explosionsartigen – Wissenszuwachs. Dabei nehmen die Tiefe und der Detailgrad des Wissens kontinuierlich zu. Im Rahmen einer optimalen Translation gelangt dieses Wissen schnell in die Breite der Versorgung und kommt damit unseren Patientinnen und Patienten zugute“, so Prof. Dr. med. Hermann Einsele, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesell­schaft für Hämatologie und Medizinischen Onkologie (DGHO) und Direktor der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Würzburg. „Diese Wissens­explosion geht aber auch mit wachsenden Kosten einher. Mit diesem monetären Aspekt und den Implikationen für unsere Gesundheitssysteme werden wir uns zukünftig noch intensiver auseinandersetzen müssen.“

Immer mehr Menschen leben mit oder nach einer Krebserkrankung

Einsele macht deutlich, dass sowohl die prognostizierte Zunahme der Blut- und Krebsneuerkrankungen in den kommen Jahren und Dekaden als auch die Innova­tionen im Bereich von Diagnostik und Therapie Einfluss auf die Kosten für die Gesundheitssysteme mit sich bringen. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden wir zukünftig mehr Patientinnen und Patienten mit hämatolo­gischen und onkologischen Erkrankungen behandeln. Darüber hinaus nehmen bestimmte Krebserkrankungen, die noch vor wenigen Jahren eine schlechte Prognose hatten, heute einen chronischen Verlauf, was wiederum mit entspre­chenden Behandlungskosten verbunden ist.“

Die rasante Innovationsgeschwindigkeit, die Zunahme von neudiagnostizierten Blut- und Krebserkrankungen und die hohe Zahl der Krebsüberlebenden führen aber nicht automatisch zu einer Kostenexplosion, so Einsele. „Vielmehr sollten wir darüber diskutieren, wie wir Wirtschaftlichkeitsreserven beispielsweise durch den Einsatz moderner therapiesteuernder Instrumente optimal ausschöpfen können. Dazu gehören unter anderem die Positronen-Emissions-Tomografie oder die molekulare Diagnostik. Darüber hinaus bieten der Einsatz von Generika oder Biosimilars sowie innovative Applikationsformen Möglichkeiten, die finanziellen Ressourcen der Gesundheitssysteme zu entlasten.“
Mehr Cancer Nurses zur Verbesserung der Versorgung von Patientinnen und Patienten

„Sämtliche Modelle der künftigen Entwicklung des Gesundheitsbereichs prognosti­zieren einen starken Anstieg von Krebserkrankungen“, bestätigt auch Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (OeGHO) und Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung am Wilhelminenspital in Wien. In diesem Zusammenhang hebt Hilbe die integrale Rolle von in der Pflege tätigen Kolleginnen und Kollegen hervor. „Es besteht ein großer Bedarf, ärztliches Personal zu entlasten, bestimmte Leistungen zu delegieren und gleichzeitig die Betreuung von unseren Patientinnen und Patienten zu verbessern.“

Wie Einsele betont auch Hilbe die Innovationen beispielsweise im Bereich der Applikationsmöglichkeiten von Arzneimitteln. „Die Krebsmedizin entwickelt sich weiter, immer mehr Behandlungen können ohne Infusionsbedarf, also oral, verabreicht werden. Die Intervalle von Antikörperbehandlungen werden verlängert, die Arzneimittel können subkutan appliziert werden. Die Therapien werden besser toleriert und sind mit einer höheren Lebensqualität assoziiert. Manche Leistungen, die heute noch eines stationären Aufenthaltes bedürfen, werden wir zukünftig im heimischen Umfeld unserer Patientinnen und Patienten mit telemedizinischer Begleitung durchführen können. Solche Versorgungsmodelle wären ohne unsere exzellent ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege nicht denkbar.“

Perspektive für Cancer Nursing: Zunehmende Akademisierung der Pflege

Eine teamorientierte Arbeitsstruktur mit der Einbindung von qualifizierten Pflege­kräften ist laut Hilbe eine zentrale Säule, wie die Patientenversorgung auf einem qualitativ hohen Niveau gelingen kann. Dabei setzt sich der Trend zur Akademi­sierung in der Pflege aktuell weiter fort. In einigen Bundesländern Österreichs werden bereits einschlägige Studienangebote für Cancer Nursing angeboten, wobei diese noch höchst unterschiedlich ausgestaltet sind. „Durch eine umfassende Informationskampagne möchten wir den Bedarf für eine flächendeckende Imple­mentierung von Cancer Nurses in Österreich sichtbar machen.“

Bei aller wissenschaftlichen Innovation: Empathie und Anteilnahme bleiben wichtig

Prof. Dr. med. Jakob Passweg, Mitglied des Vorstandes der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie und Chefarzt der Abteilung für Hämatologie am Universitätsspital Basel, der im Rahmen der Pressekonferenz drei ausgewählte Best Abstracts moderierte, machte deutlich, dass die Hämatologie und Medizinische Onkologie, trotz der zahlreichen Innovationen in Diagnostik, Therapie und Translation und trotz der vielen Hoffnungen von krebskranken Patientinnen und Patienten und ihren Familien, ein Fachbereich im Spannungsfeld zwischen Leben und Sterben bleibt. „Bei kaum einer anderen Tätigkeit erfahren wir als Ärztinnen und Ärzte so viel über den Umgang des Menschen mit Schicksalsschlägen, Bezie­hungen, Scheitern und Hoffen. Dies erfordert von allen in der Hämatologie Tätigen besondere Fähigkeiten im Bereich des anteilnehmenden Sprechens. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass der ärztliche und auch pflegerische Nachwuchs frühzeitig die besondere, empathisch geprägte Kommunikationsweise erlernt, um zum Beispiel den Palliativmedizinbedarf oder das Lebensende betreffende Themen bei fortgeschritten hämatologisch oder onkologisch erkrankten Patienten anspre­chen und vermitteln zu können.“