Deutsche Stiftung Organspdende: Beschimpfungen, Diskriminierung, Klima der Angst

Gemobbt und vertrieben: Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Stiftung Organspende. Die Organvergabe leidet darunter, berichtet das Magazin „Frontal

"Das Management schaffe eine Atmosphäre der Angst und trage Schuld an den niedrigen Spenderzahlen."
„Das Management schaffe eine Atmosphäre der Angst und trage Schuld an den niedrigen Spenderzahlen.“

(ES/DZ). Das Organspendesystem in Deutschland hat gelitten in den vergangenen Jahren. Ärzte haben seinen Ruf ruiniert, indem sie Patientendaten manipuliert haben, um Transplantationen zu beschleunigen. Oder weil ihnen Pannen unterlaufen sind in der Hirntoddiagnose. Potenzielle Spender oder ihre Angehörigen schrecken davor zurück, ihre Organe schwer kranken Menschen zu geben.

Der Vertrauensverlust durch die Spender ist aber nicht das einzige Problem des eigentlich lebenswichtigen Systems. Aus einer seiner Koordinierungsstellen, der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), dringen jetzt schwere Vorwürfe an die Öffentlichkeit. Nach einem Bericht, der am Dienstagabend in der ZDF-Sendung Frontal 21 ausgestrahlt wird, klagen Mitarbeiter über ein katastrophales Arbeitsklima. Es sei von „Diskriminierung, Ungleichbehandlung, Ungerechtigkeit und seelischer Grausamkeit“ geprägt. Das Management schaffe eine Atmosphäre der Angst und trage Schuld an den niedrigen Spenderzahlen.

Die DSO führt bundesweit die Organspende durch. Krankenkassengelder finanzieren die Stiftung mit etwa 200 Mitarbeitern. Laut Bundesgesundheitsministerium haben von 2010 bis 2014 allein 88 Mitarbeiter die DSO verlassen. Das geht aus einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Katrin Vogler, der gesundheitspolitischen Sprecherin der Linken, hervor. Sie hat seit Jahren Kontakt zu Mitarbeitern. Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird. Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht. Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden. Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Die Leitung der Stiftung bestätigt, dass zwischen 2010 und 2014 38 Ärzte die Stiftung verlassen haben, weil sie sich beruflich weiterentwickeln wollten. Ein Insider behauptet dagegen, die Mediziner seien weggespart oder vertrieben worden. Dies habe sich auch auf die Zahl der Spenden ausgewirkt. Außerdem funktioniere die Organdiagnostik nicht fehlerfrei und Angehörige von Spendern würden nicht fachgerecht betreut. Eine DSO-Mitarbeiterin, die für die Angehörigen-Betreuung zuständig ist, berichtet von schweren Anfeindungen durch Kollegen: „Du und deine Scheiß-Angehörigen, mich interessiert dein Gelaber und Dreck nicht, wir wollten dich und deine Arbeit hier nicht haben.“ Die Leitung der DSO bestreitet die Vorwürfe.

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, sagte Frontal 21: „Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, sind sicherlich auch personelle Konsequenzen unabdingbar.“ Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wollte sich zur Deutschen Stiftung Organtransplantation nicht äußern.

Das Vertrauen in die Organspende wurde in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Skandale erschüttert. Das schlägt sich auch in den Organspendezahlen nieder. Konnten 2009 noch 1.217 Menschen Organe zur Spende entnommen werden (Lebendspenden ausgenommen), waren es 2014 nur noch 864. Eugen Brysch, Vorsitzender der Stiftung Patientenschutz, fordert eine Verstaatlichung der Aufgaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation. „Verfassungsrechtlich darf man solche Dinge nicht an private Institutionen delegieren. Sonst nimmt man natürlich politisch Verantwortliche aus der Schusslinie. „