Der dumme Kranke: Eine Frage der Ethik an Ärzte, Politiker, Oberhauser

Was hat die Krebserkrankung der Gesundheitsministerin mit der Allgemeinheit zu tun? Jedenfalls die Erkenntnis, dass es zwei Arten von Patienten gibt.

Anneliese Rohrer, 59 Die gebürtige Kärntnerin kam 1974 zur „Presse“, leitete ab 1987 das Innenpolitik-Ressort und übernahm Anfang 2001 die Leitung der Außenpolitik. Rohrer gilt als eine der profiliertesten Journalistinnen Österreichs; bekannt wurde sie auch durch zahlreiche Auftritte in Diskussionssendungen des ORF. 2003 wurde sie mit dem von der „Kleinen Zeitung“ und der Journalistengewerkschaft vergebenen Kurt-Vorhofer-Preis für Politikjournalismus ausgezeichnet.
Anneliese Rohrer, 69 Die gebürtige Kärntnerin kam 1974 zur „Presse“, leitete ab 1987 das Innenpolitik-Ressort und übernahm Anfang 2001 die Leitung der Außenpolitik. Rohrer gilt als eine der profiliertesten Journalistinnen Österreichs; bekannt wurde sie auch durch zahlreiche Auftritte in Diskussionssendungen des ORF. 2003 wurde sie mit dem von der „Kleinen Zeitung“ und der Journalistengewerkschaft vergebenen Kurt-Vorhofer-Preis für Politikjournalismus ausgezeichnet.

Anneliese Rohrer (Die Presse). Den Umgang von Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser mit ihrer Krebserkrankung kann man mutig, offen, bewundernswert finden – oder auch nicht. Weil alles Politische auch persönlich ist, wie eben dieser Umgang beweist, sollte man sich um ein Bekenntnis nicht herumdrücken: Ich finde die öffentliche Überschwänglichkeit, mit der Oberhauser bei der Regierungssitzung, der Klausur der Wiener SPÖ und im Boulevard für ihren Mut zur Glatze nach der Chemotherapie überschüttet wurde, fragwürdig bis geschmacklos.

Die Gründe für diese Haltung haben mit den anderen Ereignissen der letzten Zeit zu tun. Nun kann man einwenden, Oberhauser habe sie nicht bedacht; oder man kann der Meinung sein, es fehle an Sensibilität. Aber just in einer Zeit, in der die Wartezeiten für Strahlentherapien auf zwei Monate ausgedehnt werden; in der Krebspatienten statt dreier Tage zwei Wochen auf einen Termin beim Onkologen warten müssen; in der Ambulanzen geschlossen werden sollen – just in einer solchen Zeit also wird die Gesundheitsministerin für ihren forschen Umgang mit Krebs bejubelt.

Das ist doppelt ambivalent: Erstens, weil andere Krebskranke vielleicht länger als zwei Wochen auf Befund und Therapie warten. Zweitens, weil anderen Krebskranken dadurch signalisiert wird, sie sollten sich auch nicht unterkriegen lassen und ebenso forsch mit der Krankheit umgehen. Warum sind sie dazu nicht imstande? Könnten sie auch, wenn sie nur wollten? Um ja kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Oberhauser hat jedes Recht, mit ihrer Erkrankung umzugehen, wie sie will.

Man hätte sich nur gewünscht, dass sie als Gesundheitsministerin die aktuelle angespannte Situation bei der ärztlichen Versorgung vor allem in Wien und vor allem im AKH mitbedacht hätte. Es wird andere Patienten auch nicht beruhigen, wenn von Panikmache der Ärzte und ihrer Kammer die Rede ist. Die Patienten sind mit verschobenen Operationen, langen Wartezeiten und dem „medizinischen, menschlichen, ethischen Desaster“ konfrontiert, von dem Ärzte im aktuellen Arbeitskonflikt um Zeit und Geld sprechen. Sie haben die Konsequenzen auszubaden, dass die Politik seit Jahren die Augen vor den unvermeidlichen Änderungen der Arbeitszeiten der Ärzte verschlossen hat oder – wie der Onkologe Paul Sevelda festhielt – sich jahrelang „darüber hinwegschwindeln“ wollte. Sabine Oberhauser wird davon nichts merken.

Auch ein weiteres zufälliges Zusammentreffen spielt in die Frage nach dem Umgang mit Krebs hinein: Zu Beginn dieser Woche wurde bekannt, dass das grandiose (Achtung Ironie!) zentrale Einladungssystem zum Brustkrebs-Screening sehr wohl zu einer Reduktion bei den Mammografien geführt hat – und somit den Einsparungseffekt hat, der bei seiner Einführung vor einem Jahr so vehement bestritten worden ist. Bessere Vorsorge, bessere Früherkennung tönte es Anfang 2014 aus allen offiziellen Kanälen. Jetzt weiß man: Es gab zwischen 14 und 20 Prozent weniger Vorsorgeuntersuchungen, seit dem Vergleichsjahr 2011 100.000 weniger Mammografien.

Mit einigem Hausverstand war das vorauszusehen: Frauen- oder Hausärzte durften ab Einführung des Programms keine Überweisungen ausstellen, es sei denn, man konnte sie zu einem unrichtigen „Gefahr im Verzug“-Zettel, also zu einer Lüge, überreden. Alle anderen Frauen ab 45 Jahren müssen auf eine „Einladung“ warten oder diese auf komplizierten Bürokratiewegen erzwingen.

Romana Ruda, die Leiterin des Programms, übt sich jetzt in unfreiwilligem Zynismus: Der Mensch sei eben ein Gewohnheitstier, er werde sich an das zentrale Einladungssystem schon noch gewöhnen. Wie viele Brustkrebserkrankungen bis dahin durch das Screening-Chaos unerkannt bleiben, scheint unerheblich.

Sabine Oberhauser verdient jede mögliche Empathie. Als Gesundheitsministerin und Ärztin wird sie diese aber für Kranke generell wohl auch haben.