BRD: Transplantationsmedizin: Weiterleben statt warten

Lebensrettende Organe beim Transport in der Kühltasche. Der Countdown läuft.
Lebensrettende Organe beim Transport in der Kühltasche. Der Countdown läuft.

Organtransplantationen sind durch manipulierte Wartelisten in Verruf geraten – Schärfere Kontrollen sollen Abhilfe schaffen

(ES/APA). Die Vorgänge haben ungeheure Schäden angerichtet: Seit in den vergangenen sechs Monaten aus vier deutschen Universitätsspitälern Schiebereien bei der Zuteilung von Transplantationsorganen bekanntgeworden sind, ist die Anzahl der Organspender im Nachbarland um knapp 13 Prozent gesunken. Offenbar ist eine Vertrauenskrise eingetreten, die Langzeitfolgen sind nicht absehbar.

Die ersten Meldungen kamen im Juli 2011 an die Öffentlichkeit. Ein Oberarzt des Universitätsklinikums Göttingen hatte medizinische Daten von Patienten derart manipuliert, dass diese eine bessere Position auf der Warteliste für eine Lebertransplantation bekamen. Es folgten Berichte über ähnliche Machenschaften in Regensburg. Behörden, Fachorganisationen und die internationale Stiftung Eurotransplant, welche die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern, darunter auch Österreich und Deutschland, koordiniert, waren alarmiert. Man startete Revisionen in den Transplantationszentren und wurde fündig.

Weitere Unstimmigkeiten kamen Ende September in München ans Licht. Am 1. Jänner dieses Jahres meldete das Klinikum der Universität Leipzig Verstöße im Meldeverfahren von Kandidaten für eine Lebertransplantation. Nutznießer waren dort mindestens 38 Patienten. Die Ermittlungen dauern noch an. Deutschlandweit werden sie vermutlich drei Jahre dauern.

Falsche Dialyseangaben

Die flächendeckenden Überprüfungen wurden vom Bundesgesundheitsministerium in Berlin angeordnet und werden von einer zentralen Prüfungs- und Überwachungskommission kontrolliert. „Leipzig zeigt, dass die Maßnahmen greifen“, sagt Eurotransplant-Sprecherin Juliette van der Laan. „Ohne diese wären die dortigen Fälle vielleicht nie ans Licht gekommen.“ Die Stiftung verlangt seit vergangenem Jahr die Vorlage von Dialyseprotokollen. Wenn Patienten eine solche Behandlung benötigen, steigt ihre Punktezahl im MELD-Score-System, und diese wiederum dient als Grundlage für die Einstufung auf der Lebertransplantations-Warteliste. Falsche Dialyseangaben waren die Basis der Manipulationen in den deutschen Spitälern. Grundsätzlich aber müsse man sich bei Eurotransplant auf die Informationen der behandelnden Mediziner verlassen, so van der Laan.

Listen austricksen

Dass die bisher bekanntgewordenen Verstöße auf Lebertransplantationen bezogen sind, liegt am Überprüfungsvorgang, heißt es aufseiten der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Die ersten Fälle betrafen eben die Daten von Leberpatienten, und deshalb hätten die Kontrolleure sich darauf verständigt, zunächst sämtliche Unterlagen solcher Eingriffe zu durchleuchten. Möglicherweise seien auch Wartelisten für Nieren-, Lungen-, Pankreas- oder Herztransplantationen betroffen. Sogar der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, geht von weiteren, bislang unbekannten Manipulationen aus. Inzwischen dürfte das Vergabesystem für Spenderorgane so sicher sein wie noch nie, betonte Montgomery gegenüber der Presse.

Hundertprozentig ausschließen lassen sich Tricksereien bei der Wartelistenzuordnung wahrscheinlich nie, erklärt eine deutsche Ärztin, die nicht namentlich genannt werden möchte. Auch war bis dato nicht jede Listenführung so leicht täuschungsanfällig wie die für Lebertransplantationen. „Bei Nierenpatienten zum Beispiel müsste man in den Daten mehrere Parameter fälschen, und das wäre deutlich komplexer“, sagt die Medizinerin. Für die Angaben bei den Leber-Einstufungskriterien reichte es, einfach das Dialysekästchen anzukreuzen.

Offene Fragen

Die Skandale werfen noch eine Menge offener Fragen auf. Zum einen herrscht keine Klarheit über die Motive der verantwortlichen Ärzte. Es gibt bisher keine Belege für Bestechung seitens der profitierenden Patienten. Der Vorwurf, Privatpatienten würden bei der Vergabe systematisch bevorzugt, lässt sich mit Blick auf die Sterblichkeitsstatistik von deutschen Wartelistenpatienten während der vergangenen zehn Jahre ebenfalls nicht eindeutig klären. Dort zeigen sich nur geringfügige Unterschiede.

Einige Experten kritisieren indes den gestiegenen Leistungsdruck in den Spitälern. Dadurch wachse womöglich die Bereitschaft, die eigene Erfolgsbilanz mit möglichst vielen durchgeführten Transplantationen zu verbessern. Auch Bonuszahlungen an angestellte Mediziner könnten eine Rolle spielen.

Die Debatte um die Wartelistenplatzierungen täuscht allerdings etwas über ein viel wichtigeres Problem hinweg: den gravierenden Mangel an Spenderorganen und die noch immer bestehenden Mängel bei deren Zuordnung. In Deutschland sterben durchschnittlich drei Menschen pro Tag, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ erhalten. Derweil gingen in den Eurotransplant-Staaten 2011 elf Prozent aller Spenderherzen aufgrund logistischer Schwierigkeiten oder medizinischer Komplikationen verloren.