Leitartikel von Egon Saurer: Weihnachten 2017

„Ihr Kinderlein kommet…“

Heilige Familie. Darstellung in Zirbe

Keine Frage: Kein anderes Fest mag eine Vielzahl so berühren, wie Weihnachten und dann speziell der Heilige Abend. In meiner Kindheit und Jugend im Tiroler Ötztal lag nicht nur schon zu Allerheiligen Schnee, sondern die Temperaturen waren jenseits der -15 Grad. Und schon als Kind besuchte ich die Dorfkirche zur Rorate jeden Tag während der Adventszeit. Es hat sich eingebürgert, dass ich Weihnachten die letzten Jahre in der Regel in der Großstadt Wien verbringe. Das Angebot in den Pfarren zu Weihnachten ist vielfältig: Krippenspiel, Kindermette, Christmette. Die Zeit ist gekommen, wo es in den Kirchenbänken eng wird. Weihnachten, die Ereignisse der laut christlichem Verständnis heiligen Nacht, die Geburt eines Kindes, des Sohnes Gottes gar, geht vielen ans Herz, berührt, rührt.

Meine Urgroßmutter vermochte noch als Bäuerin bis ins hohe Alter mit 97 Jahren am Heiligen Abend das Lukasevangelium vorzutragen, während wir Kinder still um den Ofen ehrfurchtsvoll der Stimme unserer alten Urgroßmutter lauschten. Hinterher sangen wir „Ihr Kinderlein kommet….“ Danach folgten wir unserem Großvater mit Weihrauch und Weihwasser durch Hof und Stall: Die Tiere wurden mit Einbruch der Dämmerung mit Weihrauch und Weihwasser gesegnet. Wir Kinder folgten diesem Ritual in Stille und betend. Die Mitternachtsmette zum Heiligen Abend wurde damals noch um 24 Uhr zelebriert. Die Kirche war immer brechend voll.

Dem wundervollen Zauber der Weihnacht, dem „Stille Nacht, heilige Nacht“, kann sich freilich kaum jemand entziehen. Auch die abgebrühtesten Modernisten und Rationalisten nicht. Auch sie flüchten vor dem Lärm und dem Terror, den diese Feier inzwischen umgibt. Und der übliche sozialkritische Verdacht gegen sentimentale Stimmungsmache und Kommerzialisierung trifft die Sache nicht im Kern. Vielmehr ist hinter dem periodisch einsetzenden Rummel immer noch die verlegene Sehnsucht nach beständigem Segen und ewigem Heil wirksam.

Es geht um die Würde der menschlichen Person, um ihre Gottebenbildlichkeit im Rahmen einer Familie und eines Volkes. Und schließlich um Christus als den „neuen Menschen“. Der ist kein politischer Messias gewesen, sondern wegen dieses Missverständnisses gekreuzigt worden. Seine Erlösungsbotschaft sträubt sich gegen jede politische Vereinnahmung.

Gerne wäre man sogar bereit, weihnachtshalber und ausnahmsweise in diesen unfriedlichen Zeiten sich vom Gefühl der Liebe ergreifen zu lassen. Denn schließlich gilt Weihnachten als Fest der Liebe und des Friedens. Bei näherem Hinsehen erweist sich die christliche Nächstenliebe allerdings als schwere Zumutung. Sie enthält nämlich auch die Feindesliebe, und die setzt eben auch den Feind voraus. Und sogar die wahrheitsgemäße Unterscheidung von Freund und Feind. Das ist gewiss eine harte Sache. Wie auch die Wahrheitsfrage, vor der sich heute auch viele Christen drücken.

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